Praktikum

Gedanken(s)trick #1

Strick: Gedankenspiel
verfasst von Bernadette
Gedanken(s)trick

© olly

Gedankenspiel – 12.000€ an Gehalt pro Jahr. Das macht, auf den Monat herunter gerechnet, ein solides Grundeinkommen von 1000€. Dieses plant der Berliner Michael Bohmeyer einfach so zu – jetzt aufgepasst – verschenken. Platz für Kreativität und freies Schaffen entstehen lassen, das ist der Plan dahinter.

Bevor es zu dem eigentlichen Thema geht: Was hat es eigentlich mit dem Gedanken(s)trick auf sich?
Nun: Es geht darum, den Strick der Gedanken über Themen, oder ein spezielles Thema, welche die Woche in den Medien aufgekommen ist, etwas aufzudröseln. Ganz einfach, indem den Gedanken einen freien Lauf gelassen wird.

Der erste aufschnellende Gedanke: 1000€? Einfach so? Für Nichts? Richtig.

Zur Zeit macht Bohmeyer ein Crowdfunding, um die ersten 12.000€ für einen folglich mehr oder weniger glücklichen Gewinner (oder eine Gewinnerin) zur Verfügung zu haben. Die einzige daran geknüpfte Bedingung ist: Er oder Sie darf/soll nicht arbeiten.

So…lassen wir die grauen Zellen nun einmal arbeiten. 1000€ im Monat wirken zunächst nach einer Menge Geld. Welcher Student, oder welcher Arbeiter, der im Monat nicht mehr – wenn denn überhaupt so viel – zur Verfügung stehen hat, leckt sich nicht die Finger danach? Schließlich klingt es nach einem recht entspannten Ein-Jahres-Urlaub.

Aber (jetzt geht es los):

Der oder die Betreffende lebt in einer Großstadt, mitten im Zentrum. Seien wir einmal großzügig und räumen dieser einzelnen Person 30m² an Wohnfläche ein. Da sind wir bereits locker bei Mietkosten von 400€. Dazu addieren sich Strom, Internet & Telefon, GEZ sowie in den meisten Fällen noch die Vertragskosten für ein Smartphone mit allem nötigen Schnickschnack. Bei 30m² kommt man schon einmal fix – ohne überhaupt an Essen, Kleidung oder Fortbewegungsmittel gedacht zu haben – auf 530-550€. Das heißt, dass die Hälfte des Geldes bereits weg ist, noch bevor der Monat überhaupt angefangen hat.

Spinnen wir die Rechnung exemplarisch einfach einmal weiter:

Um von A nach B zu kommen, bedarf es eines Tickets für Bus und/oder Bahn. Bleiben noch rund 50€ dafür auf der Strecke.

Dann möchte der Mensch noch essen und trinken – da genügt nicht nur Leitungswasser. Für einen gesunden Wocheneinkauf bei einer einzelnen Person können ganz leicht 30€ veranschlagt werden. Zumindest, wenn auf frische Produkte und keine rein Spaghetti – Tomatensoße-Ernährung zurückgegriffen wird. Also rechnen wir einfach einmal für das Essen ganz allein 120€ drauf. Da sind wir bereits bei 720€ (mit den 550€ und dem Bahnticket gerechnet).

Jetzt herrscht noch ein Bedarf an Hygiene- und Kosmetikartikeln vor. Da es für beide Geschlechter so viel Auswahl an Kosmetika gibt, nehmen wir dafür harmlose 10€ pro Monat (und dennoch ist bekannt, dass manch einer das dreifache davon im Monat benötigt). 730€.

Möchte die Person jetzt gerne noch an einem Wochenende weggehen, so kann pro Wochenende für Freitag und Samstag mit im Schnitt wieder mit 30€ gerechnet werden: Der eine Abend vielleicht drei Cocktails, den Nächsten zu viele Bier, oder ein Discobesuch oder… sind wieder 120€ für die Wochenenden. 850€.

Darin sind noch nicht die anfallenden Geburtstage, Feiertage, Hochzeiten und jegliche Sonderausgaben, die sich aufgrund eines sozialen Lebens anhäufen. Kleidung und Schuhe sind davon ebenfalls nicht finanziert. Dafür scheinen 150€ doch etwas wenig oder?

Nun hat sich der Herr Bohmeyer wohl genau das Gleiche gedacht und seine Idee weiter ausgeführt: Wer mehr Geld zum Leben benötigt, der kann schon noch nebenher arbeiten gehen. Aber das solide Grundgehalt ist dafür gedacht, den Zwang dahinter zu nehmen.

Da nistet sich manch ein böser Gedanke doch gleich mit ein: Nicht arbeiten müssen, dennoch ein solides Grundgehalt bekommen – das gibt es doch unlängst. Wir haben doch das Arbeitslosengeld. Da sind ebenfalls alle Beteiligten versorgt – so lange, wie sie keine Arbeit haben.

Nun – aber gäbe es das jetzige Modell der Arbeitslosigkeit noch, sobald ein solides Grundgehalt gezahlt wird?

Wenn das solide Grundgehalt durchgesetzt werden soll, aus welchen Mitteln will es finanziert werden? Schließlich kann nicht für jeden Bürger eine extra Crowdfunding-Kampagne gestartet werden, nur um 12.000€ zu sammeln.

Und wenn es jemals so weit kommen sollte: Wie groß wird wohl der prozentuale Anteil derjenigen sein, denen die Decke auf den Kopf fällt, sodass sie tatsächlich noch arbeiten wollen?

Was in dem ganzen Gedanken(s)trick noch aufgekommen ist – was passiert mit der Industrie, wenn der Fließbandarbeiter nicht mehr arbeiten muss, da er doch mehr Geld durch ein solides Grundgehalt bekommt?

Vor allem: Wer könnte sich denn dann noch etwas leisten und was wird anschließend mit den Manufakturen passieren, die sich auf die Produktion von Luxusware eingestellt haben?

Was ist denn dann mit Familien die Kinder haben? Bekommen dann Kinder ebenfalls das Grundgehalt? Oder ab wann soll es ausgezahlt werden?

Wenn der Fall auftreten würde, dass alle sich zufrieden geben mit dem was sie haben, wären wir dann wirklich eine glückliche Gesellschaft? Oder anders gefragt: Was ist das für eine Gesellschaft, die nichts mehr muss, sondern nur kann? Befinden wir uns dann im Rückschritt, oder im Fortschritt?

Über den Autor

Bernadette

Seit über zwei Jahren ergänzt Bernadette das Team der webschmiede GmbH im Bereich Online-Marketing. Dabei informiert sie sich über alle Neuigkeiten rund um das Thema Karriere und Bewerbung. Mittlerweile übernimmt sie nicht nur die redaktionelle Leitung unserer Blogs sowie die Kooperationsleitung. Sie kümmert sich ebenfalls um unsere Marketing-Neuzugänge und steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

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