Lehrjahre sind keine Herrenjahre!

Outfit im Büro: Krone vor grünem Hintergrund Petra Pinker
verfasst von Ben

Petra Pinker im Interview – Viele Berufe sterben seit den letzten Jahren aus, weil es in den Betrieben einfach an Auszubildenden mangelt. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch die Betriebe, denen die Lehrlinge nach kurzer Zeit wieder abhanden kommen – die Gründe dafür sind facettenreich.

Azubis beschweren sich unter anderem über die mangelhafte Betreuung im Betrieb, Arbeitszeiten, die sie sich anders erhofft hatten oder stellen dann und wann auch einfach fest, dass sie mit den Mitarbeitern nicht zurechtkommen.

Gerade der letzte Punkt ist davon abhängig, was der Lehrling konkret für ein Typ ist. Eine Katalogisierung dieser unterschiedlichen Typen nimmt die Lehrlingsexpertin Petra Pinker vor. Sie kennt die Probleme der Auszubildenden sowie die der Betriebe und unterstützt Firmen dabei, den geeigneten Lehrling zu finden.

Ebenso coacht sie Betriebe im Umgang mit ihren Schützlingen, sodass für beide Seiten eine länger fristige produktive Zusammenarbeit möglich ist. Heute allerdings unterstützt sie uns dabei, ein paar Antworten zu dem Thema Lehrlings- und Berufsausbildung zu finden:

KG: Frau Pinker, wir haben bereits Karriereberater aus den unterschiedlichsten Bereichen interviewt, aber die Bezeichnung Lehrlingsexpertin ist uns so noch nicht geläufig gewesen. Was genau macht eine Lehrlingsexpertin?

P.P.: Eine Lehrlingsexpertin steht Lehrlingen und Ausbildungsbetrieben mit Rat und Tat zu Seite. Sie kennt sowohl die Seite der Lehrlinge, als auch die der Ausbildungsbetriebe bzw. Ausbilder. In meinen Seminaren gebe ich den jungen Berufseinsteigern wichtige Tipps für das Auftreten am Arbeitsparkett: allgemeine Kniggeregeln, Konfliktlösungs- und Verhaltensinputs.

Im Gegenzug dazu erhalte ich den Einblick in die Welt der Azubis von heute. Wir besprechen kleine und größere Herausforderungen im Arbeitsleben. In den Ausbilderseminaren höre ich die Probleme aus anderer Sicht und kann hier vor allem auf die Vorbildrolle, die Erwartungen der Jugendlichen verweisen. Es ist spannend und erfüllend!

KG: Auf Ihrer Internetseite verweisen Sie unter anderem auf die Mithilfe dabei, den geeigneten Azubi, in diesem Fall für einen Baumeister, zu finden. Wie gestaltet sich Ihre Mithilfe bei einem solchen Unterfangen?

P.P.: Die beste Visitenkarte bei der Lehrlingssuche ist der zufriedene Lehrling im Unternehmen. Man muss über den Tellerrand schauen, wo oder mit welchen Events man junge Menschen anspricht und auf das Unternehmen aufmerksam macht.

KG: Nun beklagen sich viele Betriebe, dass es einfach keinen Nachwuchs in ihrem Bereich gibt – möglicherweise, weil das Unternehmen nicht bekannt ist, die Branche auf viele eher unattraktiv wirkt, o. ä. Wie gehen Sie in solchen Fällen vor? Und gibt es grundsätzliche Tipps für Unternehmen?

P.P.: Ein grundsätzlicher Tipp ist, jedenfalls mit hiesigen Schulen in Kontakt zu sein, am besten die Schulleitung und Lehrer persönlich zu kennen. Auch in Sportvereinen oder bei der Feuerwehr tummelt sich Nachwuchs! Und wenn man schon Azubis im Unternehmen hat, dann gilt es auch diese für die „Lehrlingsakquise“ einzuspannen.

KG: Sie sprechen von unterschiedlichen Typen von Lehrlingen, zum Beispiel von dem „Rohdiamanten“. Wie genau unterscheiden sich diese Typen?

P.P.: Der Lehrlings-Typ (bei uns in Österreich sagen wir noch Lehrling, vielleicht setzt sich Auszubildender noch durch) beschreibt die Persönlichkeit und den Arbeitsstil. Das Optimum ist ein „Diamant“. Dieser Azubi ist top im Auftritt und sieht die Arbeit, noch bevor man sie in Auftrag gibt, eben top verlässlich und lernwillig. Gegen Ende der Ausbildungszeit sollte jeder Azubi ein Diamant sein. Zu Beginn ist man automatisch ein „Rohdiamant“, noch etwas unsicher im Auftritt und unsicher bei neuen Arbeitsaufgaben. Wo es Juwelen gibt, sind auch Fälschungen im Spiel. Sie wirken auf den ersten Blick sehr fähig, erbringen dann aber doch nicht die Leistung, die man sich erwartet hat. Gute Verpackung kann eben manchmal blenden 😉 Ja und der harte Brocken, ist ein Azubi, auf den man gut und gerne verzichten kann: Zuspätkommen, schlampiger Arbeitsstil etc. Der Albtraum jedes Ausbildungsbetriebes.

KG: Wenn es sich jetzt herauskristallisiert, dass ein Unternehmen Probleme mit seinem Lehrling, oder seinen Lehrlingen hat, weil das Betriebsklima einfach nicht stimmt – wie reagieren Sie an diesem Punkt?

P.P.: Es ist ganz wichtig, mit dem Azubi das persönliche Gespräch unter 4-Augen zu suchen und sich beide Seiten, also auch die des Ausbildungsbetriebes, anzuhören. Viele Azubis durchlaufen gerade die Pubertät. In dieser Phase befinden sich junge Menschen in einem Ausnahmezustand. Werte werden neu definiert, man ist kein Kind mehr, ist aber auch noch nicht erwachsen, wird aber oftmals so behandelt. Einige Azubis fühlen sich dabei überfordert. Manchmal ist aber auch tatsächlich der Umgang untereinander im Betrieb nicht stimmig oder der Beruf und die täglichen Aufgaben sind doch nicht so, wie es sich der Azubi vorgestellt hat. Dann ist in manchen Fällen eine rasche Trennung in Würde und gegenseitiger Achtung das Beste, bevor man sich gegenseitig das Leben schwer macht.

KG: Zu guter Letzt, gibt es den ein oder anderen Tipp, den Sie Azubis und Betrieben für die gemeinsame gute Zusammenarbeit geben können?

P.P.: Ja gerne, hier gilt wie in jeder Beziehung: Toleranz, Verständnis, die Seite des anderen sehen, viel miteinander reden und Vertrauen aufbauen und auch die Verantwortung übernehmen, wenn Fehler passiert sind oder man eine falsche Entscheidung getroffen hat.

KG: Vielen Dank für die Tipps und dafür, dass Sie sich die Zeit für ein Interview mit uns genommen haben!

P.P.: Sehr gerne!