Gedanken(s)trick #2 – Retromanie

Regal voller alter Radios - Oldies but Goldies
verfasst von Ben

Zur Zeit gibt es eine wahrliche Welle an beliebten Themen in den Medien. Frauenquote, Burn-out, Depressionen am Arbeitsplatz, schlechte Bezahlung und der Fachkräftemangel. Bitte alle einmal die Hände gen Himmel reißen und laut aufraunen – neue Erkenntnisse werden vergebens gesucht.

Natürlich konnten wir uns mit diesen Themen nicht entziehen. Einmal darüber informieren, was Burn-out überhaupt bedeutet – schließlich sollte doch dem Lästerer sowie dem interessierten Leser bewusst sein, womit er sich da gerade auseinander setzt. Etwas über Mütter und Karriere berichten und die nützlichen Informationen für berufstätige werdende Eltern zusammengefasst.

Doch sind wir einmal ganz ehrlich:

Es ist unwahrscheinlich, dass es jede Woche genug Neuigkeiten bezüglich der genannten Themen geben wird, um seitenlang darüber zu berichten.

© dp3010

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Aber warum denn jetzt Retromanie?

Retromania ist ein Buch sowie ein Blog des britischen Kritikers S. Reynolds über das Phänomen der Retromanie, um es einmal ganz platt zu übersetzen. Retromanie beschreibt letztlich die Rückwärtsgewandtheit. Im Sinne von Reynolds allerdings vor allem im Bereich der Popmusik.

Rückwärtsgewandtheit und Karriere – das passt doch nicht!

Nicht auf den ersten Blick, das stimmt wohl. Der Drang nach Rückbesinnung, die pure Nostalgie, die den Retrotrend ausmacht, rührt jedoch von der Schnelllebigkeit der heutigen Zeit.

Projizieren wir einmal die heutigen Probleme auf die Zeit vor 60 Jahren. Wir sind in den 1950’ern. An dem Internet wird noch im Geheimen gebastelt und an Computer, Tablets, Laptops oder Smartphones, so, wie wir sie heute kennen, ist nicht einmal im Ansatz zu denken.

Wir hätten auf so viele unterschiedliche Arten mehr Ruhe in unserem Leben: Keine E-Mails mehr, die einen mitten in der Nacht erreichen und die unbedingt innerhalb der ersten 2 Minuten nach Empfang beantwortet werden müssen.

Keine spontanen Anrufe auf dem Handy mehr von den Vorgesetzten im vermeintlichen Feierabend – denn ein Haustelefon ist schließlich kein Standard.

Keine großen Panikattacken, ob bei der nächsten Präsentation der Laptop auch wirklich funktioniert und ob der ganze Anschluss mit dem Beamer gelingt – geschweige denn die Frage danach, ob die Dateien für jeden PC wirklich zu öffnen sind. Schließlich gab es keine iOs – Systeme, kein Windows, kein Linux – lediglich Stift und Papier, Folien oder eine Schreibmaschine.

Nicht, dass es vor 60 Jahren alles zu rückschrittlich gewesen ist. Aber es hat alles funktioniert. Gut, es gilt einzuräumen, dass die Diskussion bezüglich der Frauenquote nicht in dem heutigen Ausmaß vorhanden gewesen ist – liegt allerdings mitunter daran, dass die ganze Debatte um die Emanzipation nicht in dem Maße fortgeschritten war.

Es ist ebenfalls nicht so, dass früher alles besser gewesen ist und alles gut geheißen werden soll. Doch bei all den Diskussionen um Burn-out, Frauenquote, Mangel an Fachkräften und, und, und:

Wie kann es denn sein, dass in einer Zeit, in der sich viele über den technischen Fortschritt freuen, mindestens ebenso viele sich nach einer Zeit sehnen, die sie nicht einmal miterlebt haben?

Überdies hinaus, kann sich gleichsamt die Frage gestellt werden, ob diejenigen, die bereits den futuristischen Visionen in den 70’ern kritisch gegenüberstanden, sich derzeit bestätigt fühlen, wenn sie von dem Trend der Retromanie hören?

Wäre es vielleicht sogar besser, wenn Firmen sich nicht ein Beispiel an Google nehmen, sondern einfach einmal ganz umgekehrt anfangen zu denken:

Nicht den Angestellten mit der Arbeit bis in den Feierabend über alle möglichen Kommunikationskanäle verfolgen und nicht versuchen, über eine Wohnung direkt bei der Arbeit noch mehr an das Unternehmen zu ketten? Sondern viel eher das genaue Gegenteil versuchen:

Den Feierabend einfach einmal für den Mitarbeiter Feierabend sein lassen.

Es gäbe noch so viele weitere Fragen, die man anbei stellen könnte. Der größte Gedanken(s)trick bleibt jedoch einfach sich zu fragen, wie eine Gesellschaft – ganz abgesehen von der Popkultur – auf der einen Seite so sehr in der Nostalgie versinkt, während sie auf der anderen Seite bemüht ist, einem Stillstand und dem Nicht – Vergessen durch weiteren Fortschritt und dem Leitgedanken „immer mehr“ entgegen zu wirken?