Beruf

Den Headhunter Mythen entgegen

Businessman and genie giant in the magic lamp - Headhunter-Mythen
verfasst von Bernadette

Die perfekte Bewerbung ist und bleibt ein ewiger Mythos – weder ein Experte weiß nun letzten Endes wirklich, was eine perfekte Bewerbung ausmacht, noch wissen Bewerber welchen Aussagen sie Glauben schenken sollen. Im Interview mit Ulrich Börst räumen wir mit einigen dieser Mythen auf!

Businessman and genie giant in the magic lamp

© ojogabonitoo

Es kommen Fragen auf über effektive Bewerbungswege und –mittel, die Bewerber in Erwägung ziehen sollten – wenn da nicht noch so viele Headhunter-Mythen wären, bei denen man sich nicht ganz sicher sein kann, ob sie wahr sind.

Jobsuchercoach_Ulrich_Boerst

© Jobsuchercoach Ulrich Börst

Ulrich Börst hingegen gehört zu den Menschen, die wissen, wie sich ein Bewerber am besten präsentieren und welchen Aussagen zu Headhuntern ein Aspirant wirklich Glauben schenken kann. Seit 1994 arbeitet der Diplom Ökonom und Wirtschaftsmediator (IHK) als freiberuflicher Unternehmens- und Personalberater, 1999 gründete er die MERIDOS® Consulting GmbH um seine Arbeit als Spezialist in Personalfragen weiter auszubauen.

Damit Bewerber sicheren Fuß auf dem Bewerbungsmarkt fassen können, haben wir einige Fragen an Herrn Börst vorbereitet und freuen uns darauf, dass er uns im Interview Rede und Antwort stehen wird!

KG: Herr Börst, zunächst einmal vielen Dank, dass Sie mit uns Bewerbern zu mehr Sicherheit verhelfen wollen! Sie leiten zusammen mit Ihrem Co-Autor Felix Kratz (für den Bereich Arbeitsrecht) den Blog Jobsuchercoach. Neben dem Bereich Arbeitsrecht ist eines der zentralen Themen die Selbstvermarktung. Gab es für Sie ein ausschlaggebendes Erlebnis, welches Sie zu diesem Fokus geführt hat, oder war es eher „eine schleichende Entwicklung“?

U. B.: Frau Seiler, es war tatsächlich „eine schleichende Entwicklung“. Sozusagen eine Erkenntnis aus vielen zunächst überraschenden Einzelerfahrungen, die sich für mich erst im Laufe der Jahre zu einem schlüssigen Gesamtbild fügten. Als angestellte Führungskraft habe ich Jobs mit der Sicht der „internen Besetzungsbrille“ besetzt. Seit mehr als 20 Jahren beobachte ich als Personalberater die Recruitingpraxis in deutschen Unternehmen durch die „externe Besetzungsbrille“. Dabei konnte ich in unzähligen erfolgreichen Besetzungsprojekten aus erster Hand erkennen, worauf es bei erfolgreichen Bewerbungen wirklich ankommt.

Aber ich habe auch jede Menge Besetzungen erlebt, die völlig ohne eine klassische Bewerbung oder ohne einen Headhunter zustande kamen. Die Summe meiner Besetzungs-Erfahrungen deckt sich also absolut mit dem Tenor Ihrer Eingangsbemerkung – die eine perfekte Bewerbung im Sinne einer Patentlösung nach DIN-Norm gibt es nicht.

Heute unterscheide ich deshalb zwischen einem erfolgreichen Bewerber und einem erfolgreichen Selbstvermarkter. Der entscheidende Punkt liegt im Selbstverständnis des Jobsuchers. Ihm stehen zwei Wege auf der Suche nach dem persönlichen Traumjob offen. Er kann sich einerseits mit den klassischen Instrumenten um einen öffentlich ausgeschriebenen Job bewerben. Mit einem anderen Selbstverständnis steht ihm ein alternativer Weg offen. Jeder Jobsucher hat also zwei Optionen: Er kann um einen Job in einem Unternehmen bitten. Er kann aber auch stattdessen im Tausch gegen einen Job eine Problemlösung für ein Unternehmen bieten. Wenn ein Jobsucher sich auf die Strategie „bieten“ einlässt, erreicht er einen mächtigen Positionswechsel mit weit reichenden Vorteilen. Er wechselt nämlich aus der passiven Rolle eines Nachfragers unter vielen Bewerbern zu einer aktiven Rolle eines alleinigen Anbieters.

Wer bereit ist, die klassische Bewerberrolle hinter sich zu lassen, dem stehen völlig neue Wege und Instrumente zur Verfügung. Er kann die klassischen Bewerber-Trampelpfade verlassen und vermeidet die damit typischerweise verbundenen vielen Mitbewerber, Risiken und Frusterlebnisse.

KG: Ein Rat, den Sie Bewerbern an die Hand geben, ist die Suche nach individuellen Bewerbungswegen. Nun gibt es in dem Bereich Bewerbungstrends diverse Möglichkeiten, die sich Bewerben bieten: Eine Bewerbungshomepage, Bewerbungspräsentationen, Bewerbungsvideos – auch Plakate von Bewerbern, die auf sich aufmerksam machen wollen. Meinen Sie diese Optionen für Bewerber, wenn Sie von individuellen Bewerbungen und Bewerbungswegen sprechen?

U. B.: Sie haben gerade recht wirkungsvolle, neue Vermarktungsinstrumente aufgezeigt. Sie verwenden dabei noch den Begriff „Bewerbung“, de facto bringen Sie etliche neue und innovative Vermarktungs-Ansätze ins Spiel. Aber es ist Vorsicht geboten. Die konkreten Erfahrungen meiner Coachees zeigen immer wieder, dass Instrumente zur individuellen Persönlichkeit des Jobsuchers und zu seiner gewünschten Ziel-Branche passend gewählt und gestaltet werden müssen. Was in der Werber-Szene wirkungsvoll als geil rüberkommt, wirkt beim konservativen Maschinenbauer lächerlich und beendet jegliche weitere Kontaktchancen.

Attraktive Verpackung ist zwar der notwendige erste Schritt, um Aufmerksamkeit für das Problemlösungsangebot des Jobsuchers zu erwecken. Spätestens wenn im zweiten Schritt ausgepackt wird, sind überzeugende Inhalte gefragt.

Und genau das ist der Dreiklang für den erfolgreichen Weg zum persönlichen Traumjob:

  1. eigenen beruflichen Standort und individuelle Ziele analysieren
  2. glaubwürdige Problemlösung für den gewünschten Zielmarkt konzipieren
  3. verdeckten Arbeitsmarkt öffnen und Angebot nur den gewünschten Zielpersonen präsentieren.
    Dein Weg zum Traumjob

    © Karriere Guru

KG: Sie gehen ebenfalls darauf ein, dass Bewerber sich viel zu sehr von Karriereexperten einschüchtern lassen. Bewerbungsmappen werden noch immer als eine – gleichwohl recht konservative – solide Art und Weise der Bewerbung von diesen Experten angesehen und alternative Formen weiterhin kritisch begutachtet. Was genau würden Sie einem Bewerber raten, der sich von diesen zahlreichen Ratschlägen einschüchtern lässt?

U. B.: Es gibt tatsächlich unzählige (selbsternannte) Bewerbungsexperten. Ich empfehle deshalb dringend, die behauptete Fachkompetenz zunächst mit den Fakten aus dem jeweiligen beruflichen Experten-Hintergrund kritisch zu hinterfragen. So ist für mich z.B. immer wieder verblüffend zu erfahren, dass ein vermeintlicher Bewerbungsexperte weder eigene Recruiting-Erfahrungen hat, oder regelmäßige Einstellungsentscheidungen getroffen hat, oder über einen realen personalwirtschaftlichen Erfahrungshintergrund verfügt. Es gibt also allein schon deshalb sehr, sehr häufig überhaupt keinen Grund, sich unnötigerweise von „Experten“ einschüchtern zu lassen.

Danach kann man sich fragen, ob lediglich Detailpunkte oder grundsätzlichen Themen die Irritation auslösen. Ich gebe mal ein Beispiel zum Thema „Anschreiben“. So ist es völlig unerheblich, welche Business-Schrifttype man verwendet. Von zentraler Bedeutung ist dagegen die Frage, wer der optimale Empfänger ist.

KG: Wo wir gerade bei Karriereexperten sind: Auf vielen Karriereblogs kursieren Gerüchte darüber, auf welche Art und Weise Headhunter auf der Suche nach geeigneten Kandidaten vorgehen. Sie hingegen räumen mit diesen Gerüchten, beziehungsweise Mythen, auf. Wie denken Sie kommt es zu diesem starken Aufkommen an Mythen? Sehen Sie diesbezüglich einen Zusammenhang zwischen der verstärkten Nutzung von beruflichen Netzwerken wie Xing?

U. B.: Immer dann, wenn über interessante Personen und ihren Wirkungskreis wenig Transparenz herrscht, entstehen schnell unbewiesene Mutmaßungen. Bis zu einem klärenden BGH-Urteil mussten wir alle in der Personalbeschaffungsbranche aus formaljuristischen Gründen jahrelang quasi „undercover“ arbeiten. Nur so konnten genügend geeignete Kandidaten für die Besetzungsprojekte gefunden werden. Da lag es in unserem ureigenen Branchen-Interesse, aktiv „Geheimniskrämerei“ zu betreiben. Und wenn man als Jobsucher auch noch selbst Kontakt zu einem dieser (vermeintlichen) Karriere-Gurus bekam, hatte man natürlich im Freundes- und Bekanntenkreis einiges zu erzählen … Sie wissen ja, es gibt nichts menschlicheres als Klatsch, Tratsch und Gerüchte.

Durch die zunehmende Digitalisierung auch des Arbeitsmarktes ist die Arbeitsweise von Headhunter & Co. massiven Änderungen unterworfen. Z.B. wurde der sogenannte Ident und die Erstansprache von potentiell interessanten Kandidaten durch das Internet und die entsprechenden beruflichen Plattformangebote auf eine ganz neue Basis gestellt. Das hat sich zum Massengeschäft mit teilweise automatisierten Software-Suchwerkzeugen entwickelt. Mir haben inzwischen wiederholt selbst Uni-Absolventen berichtet, dass man sich infolge der Vielzahl von Kontaktversuchen auf Plattformen wie XING o. ä. durch Headhunter & Co. regelrecht belästigt fühle. Also mit der Exklusivität des legendären Headhunter-Calls „Können Sie gerade frei sprechen?“ ist es inhaltlich nicht mehr weit her. Aber Mythen und Grimm´s Märchen werden gerne weiter erzählt – und wenn sie nicht gestorben sind …

Vielleicht gerade deshalb eine wenig bekannte Zahl zum angeblichen Karrierekönigsweg Headhunter:Headhunter & Co sind bei lediglich ca. 7% (!!) aller jährlich in Deutschland zu besetzenden Führungspositionen beteiligt (basierend auf Zahlen des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater, Bundesagentur für Arbeit, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung).

Das heißt im Umkehrschluss: 93% aller Führungsjobs werden auf anderen Wegen besetzt. Frau Seiler, dafür können die von Ihnen erwähnten beruflichen Netzwerke für einen Kontaktaufbau sehr wohl ausgezeichnete Hilfestellung bieten.

Den Mythen entgegen

© Karriere Guru

KG: Auf Ihrem Blog haben Sie bereits 10 weitverbreitete Gedanken zu Headhuntern argumentativ widerlegt. Gibt es noch weitere popuäre Beispiele, die Sie dieser Liste anfügen würden?

U. B.: Ich will hier nicht den Rahmen sprengen oder Nestbeschmutzung betreiben. Aber die meisten Irrtümer und Mythen betreffen die alltägliche Arbeitsweise in den Besetzungsprojekten. Hier ist für Kandidaten eine grundsätzlich gesunde Skepsis im Umgang und der Kommunikation mit Headhunter & Co. angezeigt. Persönliche Bewerberdaten zum falschen Zeitpunkt bei der falschen Person platziert haben nicht die erste Karriere vorzeitig beendet, ohne dass es der Kandidat überhaupt merkte.

KG: Haben Sie abschließend noch einen Tipp für Bewerber, die nicht nur von den Bewerbungstipps sondern ebenfalls von den Tipps zu Headhuntern verunsichert sind?

U. B.: Wer sich eingeschüchtert fühlt, dem empfehle ich Humor. Lachen, selbst einfaches Schmunzeln genügt häufig und entspannt die vermeintlich unumgängliche Sachlage ganz maßgeblich. O.K., hier vielleicht ein besonders krasses Praxisbeispiel. Gerade im November letzten Jahres kommentierte einer meiner Coachees seine persönliche Erfahrung im Umgang mit einem namhaften Personalberater wie folgt: „Selbstsicheres Auftreten ersetzte beim Headhunter völlige Ahnungslosigkeit über die angebotene Vakanz und das suchende Unternehmen.“ Ja, Sie vermuten richtig: Mein erfolgreicher Branchenkollege hat meinem Kandidaten keinen Top Job verschaffen können …

Mein zentraler Tipp: Nutzen Sie vorrangig den sogenannten verdeckten Arbeitsmarkt. Wer weiß schon, dass laut offiziellen und validen Zahlen mehr als 70% aller Jobs vergeben werden, ohne dass die entsprechende Vakanz überhaupt auf dem Markt war. Wer sich diesen viel größeren Chancenbereich des verdeckten Arbeitsmarktes unmittelbar erschließt, der braucht keine Stellenanzeigen, Jobpostings o.ä. vom offenen Markt. Hier sind ja eh nur die verbleibenden ca. 30% des Arbeitsmarktes im Angebot. Jeder Jobsucher kann also getrost auf die Optimierung von Opa´s Bewerbungsmappe und den schmeichelnden Anruf von Headhunter & Co. verzichten.

Frau Seiler: Ich rate Ihren Lesern zu individuellem Selbstmarketing und aktiver eigener Selbstvermarktung. Klingt vielleicht theoretisch, funktioniert in der Praxis aber außerordentlich erfolgreich.

Die Expertentipps

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Über den Autor

Bernadette

Seit über zwei Jahren ergänzt Bernadette das Team der webschmiede GmbH im Bereich Online-Marketing. Dabei informiert sie sich über alle Neuigkeiten rund um das Thema Karriere und Bewerbung. Mittlerweile übernimmt sie nicht nur die redaktionelle Leitung unserer Blogs sowie die Kooperationsleitung. Sie kümmert sich ebenfalls um unsere Marketing-Neuzugänge und steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

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